Sonntag, 6. Januar 2013 3 Kommentare

Über sieben Wellen musst Du springen...

lalalalalalalalalaaa... sang so nicht einst die DDR-Rockband Karat?

Spaß beiseite! Natürlich ist das nicht der Titel des Klassikers, es ist vielmehr das Motto der Brasilianer an Silvester.

Wie schon häufiger erwähnt, verbringt man hier die Silvesternacht am Strand und ein alter Brauch besagt, dass man nach Mitternacht im Meer über sieben Wellen springen soll.
Wieder einmal zeigt diese Tradition die Vermischung der brasilianischen mit der afrikanischen Kultur. Im Candomblé, einer afrikanischen Religion, gilt die Zahl sieben (so wie auch im Christentum) als spirituelle oder heilige Zahl. Über sieben Wellen zu springen, hilft - laut der Glaubensrichtung - die Kräfte der sieben spirituellen Meister des Candomblé zu erwecken.

Ein weiterer Brauch in Brasilien ist es, sich an Silvester in weiß zu kleiden. Weiß gilt als die Farbe des Friedens und der Ruhe, um also friedvoll und entspannt ins neue Jahr zu starten, ist es fast obligatorisch, den Trend mitzumachen.

Ich hatte über beide Bräuche bereits gelesen, war aber neugierig, ob die Brasilianer sich wirklich daran halten und fragte vorher Kolleginnen.
"Die meisten tragen weiß, aber mit der Farbe der Unterwäsche, die neu sein muss, kannst Du Dir noch weitere Dinge wünschen" erzählte mir meine Kollegin Gaby.
"Rot steht für Leidenschaft, rosa für Liebe, gelb für Geld und blau für Treue."

Ob ich den Trend mitgemacht habe, könnt ihr auf den Fotos ja selber sehen. Meine sieben Wellen bin ich auf jeden Fall gehüpft und, Aberglaube hin oder her: Hunderte von gut gelaunten, sonnengebräunten Brasilianern in weiß an einem Strand mit Feuern in der Silvesternacht sind schlicht und einfach ein schöner Anblick:-)




Sonntag, 30. Dezember 2012 5 Kommentare

Ein Jahr Brasilien - ein Rückblick

Vor fast einem Jahr machten sich zwei Deutsche auf, das Land des Fußballs, der Caipirinhas und der Copacabana zu entdecken. Das fünftgrößte Land der Erde, das artenreichste und mit dem Amazonas als größtem zusammenhängendem Waldgebiet die grüne Lunge der Welt. Sie machten sich auf in ein Land voll junger Menschen, in dem das Durchschnittsalter bei gerade mal 27 Jahren liegt, ins einzige Land Südamerikas, in dem portugiesisch gesprochen wird. In ein "Schwellenland", in dem die Kriminalitätsrate weit über dem Weltdurchschnitt liegt und in dem erst seit Mitte der 80er Jahre eine stabile Demokratie herrscht.

Soweit die Fakten zu dem Land, das ich heute vor einem Jahr noch nicht kannte. In das ich "blind" gekommen bin, ohne zu wissen, was mich erwartet und nur mit dem Vertrauen in Jan, der - wie es so seine Art ist - nur meinte "es ist gar nicht sooo anders, ich glaube, es wird Dir gefallen.".

Und "JA!". Er hatte Recht. Es gefällt mir. Es gefällt mir sogar sehr.

Natürlich ist Brasilien anders und dieses "anders sein" spiegelt sich selbstverständlich auch in den "Vorurteilen", die man über das Land hat wider.
Die Menschen sind jung, jünger, als ich es gewohnt bin. Mit 31 Jahren bin ich tatsächlich älter als viele meiner Freunde, Kollegen, Schüler.
Das Land ist ärmer. Die Bildung schlechter. In der Schule wird nicht zur Selbstständigkeit erzogen. Ich kenne wenig Menschen mit einem Bücherregal im Wohnzimmer (eine Tatsache, die mich bis jetzt wirklich schockiert!).
Die Probleme sind viel grundsätzlicher als in Deutschland. Während wir uns häufig in der Theorie mit Dingen auseinandersetzen wird hier noch an der Front gekämpft: gegen Armut, Hunger, für bessere medizinische Versorgung, die Lebenserwartung hier liegt im Durchschnitt 10 Jahre unter unserer.
"Sicherheit" ist ständig ein Thema. Man sieht kaum Häuser ohne hohen Zaun, Alarmanlage oder Wachdienst. Im Dunkeln alleine durch die Straßen zu spazieren ist keine Option.

Und auch im Positiven ist das Land anders: Die Menschen sind fröhlich, interessiert, neugierig, manchmal unbedarft. Es vergeht kein Tag, an dem man als Ausländer nicht im Land willkommen geheißen wird. Brasilianer sind gesellig. Ständig ist man eingeladen, ob zum Churrasco oder zu einer Party. Jeder ist hilfsbereit und freut sich, dass man da ist.

Doch was hat das Land mir persönlich in dem einen Jahr gebracht?
Ich habe viele viele tolle Menschen kennen gelernt. Ich habe einen Job gefunden, der perfekt für mich ist. Ich spreche eine neue Sprache. Ich genieße das gute Wetter, die viele Sonne, bin viel aktiver als in Deutschland. Das wunderbare Essen darf nicht unerwähnt bleiben: eine glückliche Kuh schmeckt tatsächlich besser, als eine unglückliche:-) und unglaublicherweise freue ich mich jeden Tag darüber, wie lecker eine Mango oder eine Ananas ist.
Ich stehe der deutschen Ordnung, dem "alles muss funktionieren"-Gehabe kritischer gegenüber. Ist es wirklich so schlimm, wenn man mal 5 Minuten auf den Bus warten muss? Was spricht dagegen, wenn man sich der Verkäuferin im Laden mit Namen vorstellt? Bin ich unprofessionell, weil ich "Du" statt "Sie" sage? Warum darf ich nicht zeigen, wenn ich Jemanden auf den ersten Blick sympathisch finde? Sollte ich nicht häufiger sagen, wie toll Jemand aussieht, wie sehr ich eine Freundin mag? Warum sich nicht im Bus mit der Dame auf dem Nebensitz über deren Familie unterhalten?
Ein bisschen mehr Gelassenheit, Geduld und Entspanntheit sind nicht falsch.
Und das Land lehrt einen, mit Dingen zu leben, die nicht funktionieren:-)
Es regnet und der Verkehr kommt quasi zum Erliegen. Warum? Das weiß keiner, aber es ist so und damit muss man leben.
Der Strom fällt aus, ich dusche im Dunkeln, steige ohne Kaffee und mit nassen Haaren 15 Stockwerke die Treppen hinunter, nur um festzustellen, dass die Weihnachtsbeleuchtung im Stadtpark scheinbar das Einzige ist, was per Notstromaggregat läuft. Warum? Auch das weiß keiner, aber es ist halt so:-)

Brasilien ist manchmal verrückt, manches ist unverständlich und manches ärgerlich, aber vor allem ist es eine Heimat für mich geworden und ich freue mich auf 2013 und darauf, euch das Land zu zeigen, wenn ihr Lust habt.



Guten Rutsch und bis nächstes Jahr!!!

Mittwoch, 12. Dezember 2012 2 Kommentare

Projeto Verão statt Weihnachtsgans und Plätzchen

Adventskränze, Kerzenlicht, Weihnachtsdeko und viel zu viel gutes Essen. Das ist die Vorweihnachtszeit in Deutschland. Man backt Plätzchen (oder isst sie zumindest), lümmelt gemütlich auf dem Sofa und die einzig sportliche Aktivität im Advent besteht aus den unvermeidlichen Weihnachtseinkäufen und - je nach vorhandenen Mitteln - einer gediegenen Schneeballschlacht.

Nicht so in Brasilien. Klar, wir sind auf der anderen Seite der Erdhalbkugel und sogar mir ist inzwischen mehr als bewusst, dass das mit den Jahreszeiten hier nicht so funktioniert, wie ich es die letzten 30 Jahre meines Lebens gewohnt war.
Natürlich gibt es hier Weihnachtsdekoration, diese besteht allerdings aus Plastiktannenbäumen und viel zu vielen Lichterketten. So wird also schon Ende November der Plastikbaum aus dem Kabuff geholt, zusammengesteckt (ja genau: "zusammengesteckt" - ich hatte die große Ehre, in der Sprachschule den Baum "aufzubauen" und habe dies unter mehreren Lachanfällen unter den Blicken meiner verwunderten Kollegen auch ganz gut hinbekommen) und geschmückt.
Auch Weihnachtsmänner sieht man in letzter Zeit häufiger auf den Straßen und in den Einkaufszentren. Die armen Kerle schwitzen bei bis zu 38 Grad in ihren Kostümen, sind aber scheinbar noch nicht auf die Idee gekommen eine Bewegung für "Weihnachtsmänner in roten Badehosen" zu gründen.

Präsenter jedoch als alles Weihnachtliche ist momentan das "Projeto Verão 2012/2013", das "Projekt Sommer":

Quelle: viamulher.com.br

Da die Mehrheit der Brasilianer Weihnachten und Silvester am Strand verbringt gilt es in der Adventszeit auf den perfekten Strandkörper hinzuarbeiten. Fitnessstudios bieten Sonderangebote an, Diätmittelchen stehen hoch im Kurs und die Artikel der einschlägigen Frauenzeitschriften drehen sich um Ernährungstipps und die mögliche Gewichtsabnahme von 10 Kilos in 5 Tagen.
Ziemlich verwundert registrierte ich letzte Woche im Fitnessstudio, dass bereits um 8 Uhr morgens alle Laufbänder belegt waren und überall mit verbissenen Gesichtern Hanteln gestemmt wurden. Auf Nachfrage bei meiner Trainerin seit wann es denn schon morgens so voll sei (normalerweise bin ich die Einzige um 8h) gab sie mir nur zur Antwort "Projeto Verão, Tessa...". Es hatten wohl schon um 7h, als sie die Tür aufschließen wollte, verzweifelte Brasilianerinnen vor der Tür Schlange gestanden, denen am Tag zuvor beim Bikinikauf der Blick in den Umkleidekabinenspiegel die Tränen in die Augen getrieben hatte.

Dass der Schönheitswahn hier deutlich ausgeprägter ist, als in Deutschland, war mir bewusst. Dass man mir hier meine Adventszeit allerdings mit Diäten kaputtmacht, das lasse ich mir nicht gefallen!
Ich zünde jetzt bei 33 Grad Außentemperatur zwei Kerzen auf dem Adventskranz an und esse einen leckeren Keks!




Mittwoch, 31. Oktober 2012 2 Kommentare

Bilder sagen mehr als 1000 Worte

Quelle: blog.goethe.de/osmose

Mittwoch, 10. Oktober 2012 2 Kommentare

Olinda - que linda!!! Reisetipp für den brasilianischen Nordosten

Nun ist es schon ein paar Wochen her, dass wir uns eine Woche Urlaub im Nordosten des Landes gegönnt haben und es wird höchste Zeit für einen Reise- und Erfahrungsbericht.

Knapp 6 Flugstunden entfernt von Porto Alegre (inklusive obligatorischen Zwischenstopps in Rio oder Sao Paulo) liegt das Städtchen Olinda im Staate Pernambuco, in dem wir zwei wundervolle Tage verbracht haben.





Die Altstadt Olindas (im Hintergrund die Skyline von Recife)

Dort angekommen fühlte ich mich zum ersten Mal seid wir hier sind im Brasilien der Reiseprospekte und Postkarten.

Eindrücke Pousada Praia dos Milagres

Olinda (frei übersetzt "Oh - wie schön") ist - 1535 gegründet - eine der ältesten Städte des Landes und steht seit den achtziger Jahren auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.
Im Stadtbild zeigt sich der im Norden stark ausgeprägte Synkretismus zwischen Katholizismus und afrikanischen Glaubenseinflüssen. Die Dichte der katholischen Kirchen und Klöster ist enorm, gleichzeitig finden sich in der ganzen Stadt bunte Zeugnisse afrikanischer Sklavenkultur.

Die Dichte von Kirche pro Einwohner ist die Höchste Brasiliens
Doch mehr zu unseren eigenen Eindrücken: Nachts in der Pousada angekommen starteten wir am nächsten Morgen bereits früh zu unserer Erkundungstour in die Altstadt. Da die Sonne im Nordosten stets um 4.30 Uhr auf- und um 17 Uhr untergeht, hat der Tag einen ganz eigenen Rhythmus und das Leben auf den Straßen beginnt unheimlich früh.

Unser erster Weg führte uns zum Touristenbüro, da wir einen Stadtplan und die Adresse einer Autovermietung brauchten. Dort sagte uns der Mitarbeiter, dass wir uns in allen Fragen an Leute in gelben T-Shirts auf der Straße wenden sollten.
Gesagt getan: Wir suchten also eine Person im gelben T-Shirt und lernten Jailton kennen, der den Tag über unser Touristenführer wurde.

Jan und Jailton
Er erklärte uns, dass ein Mönch vor 30 Jahren ein Programm ins Leben gerufen hat, um die Straßenkinder Olindas zu unterstützen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Wer sich meldet, wird kostenlos zum Touristenführer ausgebildet und verdient sich somit sein Geld durch das Erzählen der Historie der Stadt. Eine Idee, die funktioniert und die durch ihren großen Erfolg inzwischen auch in anderen Städten Brasiliens praktiziert wird.

Mit Jailton begaben wir uns also auf die Spuren der Stadt und waren begeistert. Die Straßen Olindas sind gesäumt von kunterbunten Häuschen, deren Wände, Fenster und Türrahmen jeweils in einer anderen Farbe gestrichen sind. Grund hierfür ist, dass es bis vor ein paar Jahren keine Hausnummern gab und der Postbote die Post nur anhand der Häuserfarben verteilen konnte. Schrieb man also eine Postkarte an Maria in Olinda, musste man als Adresse angeben: blaues Haus, grüne Tür, gelbe Fenster und da es jede Farbkombination nur einmal gab, kam die Post zuverlässig an.


Nicht nur die Schönheit der Stadt, auch das bunte Treiben auf den Straßen ist einmalig. Es gibt Sambatruppen, Bands und auch eine Capoeira-Vorstellung (ein brasilianischer Kampftanz) ließen wir uns nicht entgehen.











Capoeira-Gruppen treten gegeneinander an
Dermaßen begeistert beschlossen wir, einen weiteren Tag in Olinda am Ende unserer Reise einzulegen und hatten auch beim zweiten Mal einen unvergesslichen Tag.
Olinda ist Brasilien pur!




Karnevalsmasken




Wahlwerbung auf brasilianisch





















 
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