Freitag, 10. Februar 2012

Os Alemães - Die Deutschen

Die Brasilianer, denen wir hier tagtäglich begegnen haben eine interessante Einstellung zu ihrer Herkunft. Gerne hört man Sätze wie: "Wir Italiener sind halt auch eher hellhäutig" oder "Bei uns zuhause isst man gerne typisch polnisch-herzhaft."
Viele Menschen, die hier leben haben ausländische Vorfahren. Das liegt in der Geschichte unseres Bundesstaates Rio Grande do Sul begründet.
Dom Pedro I. der 1822 mit seinem Ausruf "Patria ou morte!" klar stellte, dass er nicht gewillt war, seinem Vater in dessen Heimat Portugal zu folgen sondern seine Zukunft in seinem Geburtsland Brasilien sah, erklärte damit quasi Brasiliens Unabhängigkeit.
Um aus Brasilien einen "richtigen Staat" zu machen, lud er Forscher, Künstler, Ingenieure, Beamte, Bauern und Militärs aus Europa ein, in seinem Land zu leben. Insbesondere das südlichste Bundesland Rio Grande do Sul musste schnellstmöglich besiedelt werden, um die Grenzen zu Argentinien, Uruguay und Paraguay zu sichern. Entlohnt wurden die europäischen Immigranten für ihre Auswanderung mit reichlich Land und unbegrenzten Möglichkeiten.
Dass das ganze schon ein paar Generationen zurück liegt und nicht etwa die eigenen Eltern frisch aus Europa eingewandert sind, ist den Brasilianern herzlich egal. Sie lieben ihre kulturelle Herkunft und fühlen sich fest damit verbunden. Kaum ein Einwohner unseres Bundeslandes kann nicht mit der Geschichte der eigenen Vorfahren aufwarten.
Ein jähes Ende nimmt dies allerdings wenn sie sich mit dem Rest des Landes vergleichen. Geht es um Sprache, Gepflogenheiten oder Verhalten der anderen Brasilianer, ist man in Rio Grande do Sul auf einmal "Gaucho", also Nachkomme der Indianer, die den Süden tatsächlich als erste besiedelten. "In Santa Catarina sind sie nicht besonders helle" erklärte uns eine brasilianische Freundin. "Die Leute aus Recife sprechen so unglaublich langsam, dass man kaum zuhören kann" wurden wir außerdem aufgeklärt. "Nicht wie wir Gauchos - wir sind ein starkes Volk und lieben unsere Tradition". Der Bundesstolz mutet fast ein bisschen bayrisch an.
Völlig anders verhält es sich dann, wenn sich herausstellt, dass Jan und ich Deutsche sind, in diesen Momenten sind die Brasilianer auf einmal einfach nur Brasilianer. Jan kam gestern Abend nachhause und berichtete, er habe eine unserer Nachbarinnen kennen gelernt. Sie hatte ihn auf portugiesisch angesprochen und gefragt, ob er neu im Haus sei. "Sim", bestätigte Jan, "ficamos no appartmento 303" (wir wohnen in Appartment 303) und sie rief "Ah - os alemães", um dann überklar, überdeutlich und überlangsam hinzuzufügen "e-u fi-co no a-par-t-men-to cin-co ze-ro um". Jan konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Gerne ruft uns auch der Nachtportier ein fröhliches "Gutan Amd" hinterher, wenn wir spät nachhause kommen und Jans Kollegen überschlugen sich bei einem gemeinsamen Abendessen gerade zu, als sie mir alle Wörter, die sie auf Deutsch sagen können, präsentierten.
In solchen Momenten neigte ich dazu, ein bisschen überheblich zu grinsen bis mir klar wurde, wie stolz ich jedes Mal, wenn ich einem Ausländer begegne, alle Wörter, die ich in der jeweiligen Sprache sagen kann, aneinander reihe und wie ein Erstklässler auf das Lob des Muttersprachlers warte. In einigen Dingen sind Menschen dann eben doch einfach nur Menschen, egal woher sie kommen ;-)

Kommentare:

Moni hat gesagt…

und ich bin stolz, Deine wunderbaren Berichte lesen zu dürfen

Tessa hat gesagt…

Danke :-)

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